Am 6. Februar schickte der Indie-Entwickler YCJY Games seinen neuesten Titel Keep Driving auf die Straße. In diesem unbekümmerten Roadtrip-Abenteuer dreht sich alles um Freiheit, Abenteuerlust und die kleinen, aber bedeutungsvollen Begegnungen, die das Leben so schreibt.
Die Entwickler Josef Martinovsky and Christopher Andreasson aus Schweden entführen uns hier in ein frisches, unverbrauchtes Szenario, dass manchem in der Retrospektive jedoch überaus vertraut vorkommen mag: man steht unmittelbar an der Schwelle zum Erwachsensein und verfügt jüngst über einen Führerschein. Da man sich auch voller Stolz den ersten rudimentär fahrbaren Untersatz leisten konnte, erfasst einen das Fernweh und die schier unendliche Freiheit ruft.
Bevor man sich nun voller Träume und Sehnsüchte ans Steuer setzen kann, hat man sich kurz Zeit für die Charaktergenerierung zu nehmen. Neben Namen und Geschlecht will Keep Driving nur wenige weitere Angaben zur fiktiven Biographie. Wie verstehe ich mich mit meinen Eltern, was arbeite ich und welche Dinge nehme ich auf die Reise mit? Das sind wahrlich nicht viele Möglichkeiten der Individualisierung, die getroffenen Entscheidungen sind aber äußerst geschickt in die Spielmechanik eingebunden und haben viel Einfluss auf die weitere Reise.
Wenn einer eine Reise tut
Nachdem das Auto frisch beladen ist, geht es dann mutig los. Das erste lose Ziel soll ein Festival sein, welche sich am anderen Ende der fiktiven Insel befindet. Da das Spiel in den 2000er spielt, steht kein allwissendes Navigationsgerät zur Verfügung, sondern man hat selbst die Karte zu bemühen und Zwischenhalte auf der Reise mit Bedacht zu planen. So brauche ich für das Konzert noch Eintrittskarten und möglichst ein Zelt, sodass der Weg in eine größere Stadt führen muss. Natürlich sollte man auch Werkstatt- und Tankstellenbesuche einplanen. Nicht außer Acht zu lassen, ist ebenso die Notwendigkeit, dass unser Fahrer ab und an essen und trinken muss, sodass man bestenfalls ein paar Vorräte mit sich führt. Um diesen Grundbedürfnissen von Mensch und Maschine zu entsprechen, brauche ich natürlich auch eine gefüllte Reisekasse. Diese verbessert man, indem man Gelegenheitsjobs oder kurze Beförderungsaufträge annimmt, die auf örtlichen Anschlagtafeln annonciert sind.
Die Orte und Städte fungieren als sichere Häfen. Habe ich mich dann für eine Route entschieden, geht es auf die Straße. Dort fahre ich streng genommen nur stur von A nach B und genieße die überaus charmante 2D-Pixelgrafik mit schönen Wetter- und Tag-/Nachteffekten. Unterbrochen wird dieses Fahrerlebnis aber von zufallsbedingten Entscheidungsevents und Gefahrensituationen.
So bedeuten Straßenschäden, Wildunfälle oder Traktoren zunächst Gefahr für die eigenen Ressourcen. Im Kern ist Keep Driving nämlich ein Ressourcenmanager mit prozedural generierter Spielwelt und Textevents wie beispielsweise FTL: Faster Than Light oder The Long Journey Home.
Auch in diesem weitaus bodenständigeren Szenario habe ich aufzupassen, dass meine Werte (Konstitution, Geld, Sprit, Fahrzeugbeschaffenheit) durch Events nicht in den kritischen Bereich rutschen, da sonst ein Neustart droht. Hierbei muss ich meine (verbesserbaren) Fähigkeiten dazu nutzen, Gefahren rundenbasiert zu kontern, ehe diese eine anvisierte Kategorie wie den Sprit mit einem Abzug belegen.
Den sehr fordernden Schwierigkeitsgrad anderer Spiele in der Sparte Rogue-like hat sich Keep Driving nicht zu eigen gemacht. Wenn man das Spielprinzip verinnerlicht hat, kommt man selten in existenzielle Probleme auf der Straße. Das Upgraden eigener Fähigkeiten und das Schrauben am Auto in einer Werkstatt verschaffen viele Boni, welche das Leben auf der Straße spürbar erleichtern.
Steht man doch mal völlig abgebrannt, übermüdet und in einem nicht mehr fahrtüchtigen Auto nachts in der Prärie, reicht meist (deswegen die Abfrage zu Anfang nach dem Verhältnis zu den Eltern) ein Anruf zuhause und schon kann man mit neuen Geldreserven in einer Stadt in der Nähe seine Reise wieder fortsetzen. Dennoch ist es schade, dass nicht verschiedene Schwierigkeitsgrade angeboten werden. Auch wenn Keep Driving durch neun verschiedene Enden und individuelle Herangehensweisen durchaus einen Wiederspielwert bietet, so wäre eine weitere Herausforderung nach dem Durchspielen durchaus wünschenswert gewesen. Ebenso hätte ich einen weiteren, „chilligeren“ Modus für ein Spiel mit diesem lockeren wie unbedarften Ansatz als durchaus passend empfunden.
Daumen raus
Ein besonderes Highlight sind die Mitfahrgelegenheiten: Ab und an stehen Tramper am Straßenrand und wollen mitgenommen werden. Hierbei sind überaus interessante Charaktere dabei – ohne zu viel verraten zu wollen. Habe ich einen oder mehrere Mitfahrer an Bord, profitiere ich über deren eigene Fähigkeiten bei Gefahrensituationen und es entspinnen sich zudem oft nette kleine Unterhaltungen. Nicht jeder Mitfahrer hat aber die edelsten Motive und mancher übt zuweilen keinen guten Einfluss auf das Alter Ego aus. Ein Muss ist die Mitnahme nicht. Wer mag, kann die komplette Reise alleine im Auto unternehmen.
Was jedoch immer mit an Bord ist: der grandiose Soundtrack. Ich kannte zwar die dort auftretenden Indie-Bands aus Schweden wie Westkust oder Crystal Boys bislang nicht, das sollte sich aber ändern. Die ausdrucksstarken und treibenden Lieder sind das letzte Puzzleteil, welches Optik, Gameplay und Handlung wundervoll zusammenbringt und vervollständigt. Ab und an erhalte ich von anderen Charakteren weitere Lieder geschenkt, die ich wunderbar händisch über den CD-Spieler des Autos aufrufen kann.
Das Spiel gibt es aktuell nur auf Englisch. YCJY Games hat aber bereits angekündigt, mittelfristig weitere Sprachen unterstützen zu wollen. Auch will man abhängig vom Verkaufserfolg weitere Inhalte nachreichen. Eine Controller-Unterstützung wurde bereits in Aussicht gestellt.
Zusammenfassung
FAZIT
Keep Driving ist ein spielbares Gefühl, dass die (scheinbar) grenzenlosen Möglichkeiten der Jugend, das Fernweh und den Reiz eines Roadtrips überaus gelungen aufgreift. Man hat sich zwar in die clever verzahnten Mechaniken einzulernen, dieses Rogue-like verzeiht aber Fehler und nimmt sich immer auch die Zeit, Neugier und Abenteuerlust mit schönen Geschichten, Begegnungen und Items zu belohnen. Das clevere Gameplay, der charmante Artstyle und der fantastische Soundtrack machen es zu einem besonderen Erlebnis und einer sehr empfehlenswerten Reise vor und mit dem PC.